Essa nossa ditosa língua XXXI Am Ende jault der Hund Von Peter Koj *
Steht auf Ihrem Frühstückstisch auch so ein netter Abreißkalender, der Ihnen jeden Morgen auf unterhaltsame Weise Wissenswertes aus aller Welt vermittelt? Der Brockhaus-Kalender von 2003 überraschte uns am 20. Januar mit der Herausforderung: „Heute lernen Sie tausend Wörter Portugiesisch. Wetten?“ Der Trick wird auf der Rückseite verraten: „Alle Wörter, die im Deutschen auf „tion“ enden, sind im Portugiesischen gleich, nur dass sie dort die Endung „ção“ haben.“ Nun, 100%ig klappt das nicht bei allen Wörtern. So muss das „k“ vor dem „tion“ noch in ein „c“ umgewandelt werden (Redaktion > redacção) und bei einigen anderen Wörtern verändert sich der Stamm noch zusätzlich (z.B. Generation > geração), aber im Prinzip kommt man mit diesem Trick schon sehr weit.
Die Erklärung dieses Phänomens? Sehr einfach! Portugiesisch ist eine so genannte romanische Sprache, d.h. sie stammt vom Lateinischen ab. Wer also Latein auf der Schule gelernt hat oder Vorkenntnisse in einer anderen romanischen Sprache hat (Französisch, Spanisch, Italienisch etc.), kann auf Anhieb große Teile eines portugiesischen Textes erschließen. Dabei ist die Endung „ão“ für das Portugiesische typisch und findet sich in keiner anderen romanischen Sprache. Bei der korrekten Aussprache dieses nasalisierten Diphthongs (Doppelvokals) tun sich deutsche Portugiesischlernende häufig schwer, lehnen ihn gar wegen seines „Missklangs“ ab. Doch man kommt nicht um ihn herum, denn er existiert nicht nur in der Endung „ão“. So geläufige Wörter wie não (nein), o cão, o pão (Brot), a mão (Hand), o chão (Boden), o grão (Korn), tão (so) führen ihn im Stamm. Vor allem brauchen wir diesen Laut ständig für Verb-Endungen, speziell für die 3. Person Mehrzahl der Verben auf „ar“. Dabei ist es für die Aussprache unerheblich, ob sie „ão“ oder „am“ geschrieben werden. Beispiel falar: falam (sie sprechen), falaram und falavam (sie sprachen). Einige unregelmäßige Verben haben im Präsens sogar „ão“: são und estão (sie sind), dão (sie geben), vão (sie gehen, fahren), hão-de (sie müssen, sie werden sicherlich). Im Futur haben wir durchgehend die Schreibung „ão“, auch bei den Verben auf „er“ und „ir“: falarão (sie werden sprechen), beberão (sie werden trinken), partirão (sie werden abreisen). Man sieht daran, dass die Tilde (das ist diese Schlange über dem „a“) anstelle des „m“ steht. In der Tat wurde sie von den mittelalterlichen Schreibern als Kürzel für das „m“ eingeführt.
Meinen Schülern, die sich mit der Konjugation der Verben abmühen, baue ich immer die Eselsbrücke: „Am Ende (d.h. in der 3. Person Plural) jault der Hund – o cão.“ Und ermuntere sie, auch bei anderen Wörtern mit dem ão-Laut kräftig zu jaulen. Die Häufigkeit dieses portugiesischen Lauts ist auch den Herausgebern des Bordmagazins von EasyJet nicht entgangen. Ihre überraschende wie absurde Erklärung: „Lots of Portuguese words – such as Portimão and Olhão – end in -ão, dating back to Portugal’s long connection with Macão.” (zitiert nach dem Algarve-Blog Mac-ão? Warum so viele portugiesische Wörter auf -ão enden, nachzulesen auf http:// www.portugalforum.de/). Die englischen Herrschaften haben nicht bemerkt, dass bei Macau (denn das ist die korrekte Schreibweise!) der Hund nicht jault, sondern nur bellt. Der au-Laut ist im Portugiesischen zwar seltener, findet sich aber in so wichtigen Wörtern wie mau (schlecht), pau (Stock) und – ähnlich wie in Macau – auch als Endung in cacau (Kakao), sarau (Abendgesellschaft) und bei so netten Tierchen wie dem Skorpion (lacrau), dem Stöcker (carapau) und Portugals Nationalfisch, dem Kabeljau (bacalhau). Dass dieser gelegentlich zum bacalhão mutiert, weil jemand versehentlich dem Hund auf den Schwanz getreten ist, kommt selbst in dem ansonsten ausgezeichneten Band Fische & Krustentiere. Algarve von Jochen Krenz vor, der im letzten Jahr bei Editurismo erschienen ist.
* Ich habe diesen Artikel ursprünglich auf Deutsch geschrieben, und zwar für die Zeitschrift ESA (Entdecken Sie Algarve), wo er in der Ausgabe Mai 2009 erschien. Als ich jedoch die portugiesische Version Madalena Simões vom Centro de Língua Portuguesa (Instituto Camões) an der Universität Hamburg vorlegte, musste ich erfahren, dass im Portugiesischen der Trick mit dem jaulenden bzw. bellenden Hund nicht funktioniert, um zwischen „au“ und „ão“ zu unterscheiden. Die portugiesischen Hunde geben – so scheint es – schon beim Bellen einen nasalierten Diphthong von sich. Während ihre deutschen und englischen Artgenossen auf der Basis von „au“ bellen („wau-wau“ im Deutschen und „bow-wow“ im Englischen), wird in der portugiesischen Kindersprache das Bellen mit „ão-ão“ wiedergegeben. Dies ist nur ein Beispiel, wie die Tierlaute in den verschiedenen Sprachen ganz unterschiedlich wiedergegeben werden, wobei das Krähen des Hahnes ein besonders beeindruckendes Beispiel darstellt.
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Illustration von Marlies Schaper |
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