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Altes Handwerk neu belebt
Von Henrietta Bilawer  *

Traditionen wieder aufleben lassen, die „im Zuge der Globalisierung untergehen oder bestenfalls ein Nischendasein als Kunst fristen, da sie nicht zur allgemeinen Angleichung von Lebensformen und -Inhalten passen“, das möchte Luís Costa erreichen. Für den Bürgermeister von Meios vor den Toren der nordportugiesischen Stadt Guarda ist regionale und lokale Kultur heute in erster Linie Rückbesinnung: In seiner Gemeinde gibt es jetzt ein Weberei-Museum, dessen fünf historische, aber intakte Webstühle Stoffe fertigen, wie es in vergangenen Generationen üblich war. Unter dem Motto Cruzando Memórias, Tecendo Culturas (Erinnerungen kreuzen sich, Kulturen werden verwoben) will Costa „ein weiteres Kapitel zur Ethnografie der Region schreiben“ und mobilisierte gleich den Nachbarort Fernão Joanes.

Etwa einhundert bunt geschmückte Eselskarren aus Maiorca bei Figueira da Foz, die Kutscher in Trachten gekleidet, ziehen gelegentlich in einem Korso durch die Region und demonstrierten mit dem alten Brauch gleichzeitig für ein Programm zu Gunsten der vom Aussterben bedrohten Esel. Tierschutz und Tourismus, also „Tradition und Moderne miteinander verbinden“ – das war eines der Hauptanliegen von José Ligeiro, Gemeinderat von Maiorca. Bei den Kommunalwahlen im Herbst tritt er nicht mehr an und hofft, sein Nachfolger werde sich dem regionalen Kulturerbe mit ebenso viel Verve verschreiben. Es gebe kaum eine geruhsamere Form für Ausflüge als auf einem Eselskarren. Die Tiere seien sehr zutraulich. Und die Karren werden von Ortsansässigen nach alten Vorlagen gebaut. Portugals Regionen entdecken ihre kulturellen Wurzeln neu und besinnen sich auf Formen des Handwerks, die einst das Arbeitsleben bestimmten, um lebensnotwendige Utensilien herzustellen. Vieles davon überlebte die vergangenen Jahrzehnte nur in alten Büchern und auf Bildern oder als reine Schaustücke in Heimatmuseen, mit dem Status von Kunstwerken. Costa will das Leben ins Museum bringen, das in einer früheren Weberei untergebracht ist: Textilien für die Gemeinde und für private Kunden werden gefertigt und jeder darf bei der Arbeit zuschauen.

Das Weber-Museum Museu da Tecelagem wurde im Juli 2006 eröffnet, nach beinah zehn Jahren Planung. Es beherbergt nicht nur Werkstätten, auch Kurse in anderen alten Handwerksformen werden im Museum veranstaltet. Daneben existiert ein kleiner Laden, in dem Decken, Stoffe und Knüpf- und Klöppelarbeiten aus den Werkstätten verkauft werden (www.mun-guarda.pt/index.asp?idEdicao=51&id=547&idSeccao=733&Action=noticia). Die Gemeinde hat bis zum Jahr 2031 Zeit, das Projekt zum Erfolg zu führen; der Abtretungsvertrag mit der Verwaltung des Naturparks Serra da Estrela, der das Gebäude gehört, läuft über 25 Jahre. Die Behörde war zuvor mit einem eigenen Werksmuseum gescheitert. Wenn „wir es in der Zeit nicht schaffen, ist jede weitere Mühe sowieso umsonst“, sagt Bürgermeister Costa, und: „Die Enkel werden nichts Anschauliches über den Lebensalltag der Großväter erfahren“.

Dem vorbeugen will ein anderes Projekt: In der Quinta Pedagógica, einer Art Landschulheim in Batalha in Zentralportugal, lernen regelmäßig Kinder aus dem gesamten Land in einer Aktionswoche praktisches Arbeiten mit altem Handwerkszeug. Einige besuchen die Töpferschule, andere erlernen das Korbflechten oder versuchen sich am Brotbacken in einer historischen Backstube. Jede Gruppe wird begleitet von Meistern des jeweiligen Handwerks. Auch Glasbläser und Glasmaler, Fliesenmaler, Blechschmiede und Wachswerker laden die Kinder in ihre Werkstätten ein, wo die Technik ebenso groß geschrieben wird, wie die ausgelebte Fantasie der Kinder.

Die 9-jährige Teresa nahm eine Schildkröte mit nach Hause, von ihr selbst geformt aus Ton, der unmittelbar zuvor aus der Erde geholt worden war. Mit stundenlanger Geduld zeichnete sie die Linien auf den Panzer ihrer kleinen Schildkröte. Die 13-jährige Rita entdeckte ihr Talent für das Arbeiten mit Weidengeflecht und den Spaß am Landleben: „In Lissabon sagen alle, auf dem Land gibt es nichts zu tun“, meinte Rita und ergänzte, schon ganz Profi: „Ich jedenfalls hatte hier noch keine Minute Pause“. Sie habe viel gelernt und fühlte sich „nützlich“. Daniel war bei einem Glasmaler und hofft, daheim die Eltern zu überzeugen, dass er die Fenster seines Zimmers bemalen darf. Die Kinder haben verstanden, was Bürgermeister Costa im Webereimuseum in Meios vermitteln möchte: Handwerkskunst und Handwerkertradition ist „keine Angelegenheit für verstaubte Ausstellungen“.

*  Der Artikel erschien im Septemberheft 2006 der Zeitschrift ESA. Nachdruck des Textes mit freundlicher Genehmigung der Autorin und der Fotos mit der der Nachrichtenagentur LUSA.


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