Cabeças de víbora – Köpfe von Vipera latastei als Handelsgut in Portugal
Von Rudolf Malkmus* und Armando Loureiro
Aufgrund bestimmter Eigenschaften und Lebensweisen – Fortbewegung ohne Beine, starrer Blick, beschuppte Körperoberfläche, periodische Häutung, Gift, Leben in Erdhöhlen etc. – wurde die Schlange in allen Kulturen der Menschheit zum Träger einer teilweise widersprüchlichen und ambivalenten Symbolik. Die Schlange ist Sinnbild für Macht, Erneuerungskraft des Lebens, Zeugungskraft (Phallussymbol), Heilkunst (Stab des Asklepius), Klugheit und List, für Verführungskunst und für die Kräfte der Unterwelt.
In zahlreichen Bergregionen Portugals wird mit den Köpfen der Stülpnasenotter (Vipera latastei) bis heute ein einträglicher Handel betrieben. Die Otternköpfe stehen im Dienste eines Abwehrzaubers und gelten als Glücksbringer. Als Amulett getragen (z.B. in den Schulterpolstern von Jacken eingenäht, selten auch als Armband) sollen sie vor Krankheit und Unglück schützen, den Erfolg bei Handelsangelegenheiten und im Spiel fördern und Glück auf Reisen in die Fremde (Militärdienst, Emigration) bringen. Der Träger des Otternkopfes darf nichts von seinem Glücksbringer wissen; der Kopf wird heimlich von der Ehefrau in das Kleidungsstück eingenäht. Parece que tens a cabeça de víbora, caramba! (Zum Teufel, es sieht aus, als hättest du den Kopf einer Otter bei dir!) ist ein geflügeltes Wort, dessen man sich bedient, um seinem Erstaunen darüber Ausdruck zu verleihen, dass jemand über längere Zeit hinweg vom Glück verfolgt wird.
In ihrer Ausgabe vom 9.2.2006 zitiert die Zeitschrift Visão den Ex-Croupier des Casinos von Espinho (nördlich von Porto) Elvino Basílio, der berichtet, dass er unter Gewinnzwang Stehende beobachtete, die immer wieder ihr Spiel unterbrachen, die Toilette aufsuchten und den mitgeführten Otternkopf hervorholten, streichelten und ihm beschwörend zuredeten, das Spiel günstig zu beeinflussen.
Die Verbreitungsschwerpunkte der Stülpnasenotter, mit bis zu 60 cm Länge zu den kleinen bzw. mittelgroßen Vipern gehörend, liegen in den montanen Regionen nördlichen des Rio Tejo. Sie werden in der Regel von Hirten, Waldarbeitern und Kräutersammlern gejagt. Der abgetrennte Kopf wird in Holzasche getrocknet, in einer Zündholzschachtel oder einem Glas deponiert und als cabeça de víbora zum Verkauf angeboten. Die im Raum Gerês üblichen Preise für Schlangenköpfe entwickelten sich im Lauf der letzten Jahrzehnte rasant nach oben: von 0.01 € (1930) über 0.15€ (1960), 4 € in den 70er und 15€ in den 80er Jahren und bis 25€ im Jahr 2000. Der sprunghafte Preisanstieg in den letzten beiden Jahrzehnten hängt vermutlich damit zusammen, dass Portugal 1981 die Berner Konvention unterzeichnete. Damit war der Handel mit Otternköpfen offiziell untersagt. Jäger und Klientel verabschiedeten sich in den Untergrund und der Preis ihres Handelsobjekts erfuhr einen entsprechenden, der Illegalität der Jagdausübung geschuldeten „Risikozuschlag“.
Ungeachtet der gesetzlichen Rahmenbedingungen scheuen manche Anbieter nicht einmal davor zurück, vor aller Öffentlichkeit ihr Schlangensortiment im Inserateteil von Tageszeitungen unter Angabe des Telefonkontakts zu offerieren und deren wundersame Wirkungen zu preisen. So heißt es in einer Annonce im Correio da Manhã vom 31.7.2001: Cabeças de Víbora. Vendem-se Baptizadas Tratadas 7 ondas Mar. Afastam inimigos, dão muita sorte (Schlangenköpf zu verkaufen. Mit 7 Meereswellen getauft und behandelt. Vertreiben Feinde. Bringen viel Glück.) Und der Inserent im Record vom 17.6.2002 meint sich dadurch schützen zu können, dass er seine Ware als Cabeças Víbora Tropicais anbietet.
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PHG-Mitglied Rudolf Malkmus ist Spezialist für die Amphibien und Reptilien Portugals. Er ist Autor der Bände Die Amphibien und Reptilien Portugals, Madeiras und der Azoren (Neue Brehm-Bücherei 621) und Amphibians and Reptiles of Portugal, Maderia and the Azores-Archipelago (Gantner Verlag 2004). Der vorliegende Text ist ein Auszug aus de gleichnamigen Artikel, erschienen im März 2007 in der Zeitschrift für Feldherpetologie.
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Kopf der Stülpnasenotter (Vipera latastei)
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