Está bem – ein neues Portugiesischlehrwerk
Portugiesisch ist zwar Weltsprache, wird weltweit von 200 Millionen Menschen gesprochen und steht damit in der Rangfolge der meistgesprochenen Sprachen an 6. Stelle. Trotzdem bedeutet es ein unternehmerisches Risiko, mit einem neuen Lehrwerk auf den deutschen Markt zu gehen. Das Portugiesischangebot an öffentlichen Schulen und Universitäten ist rückläufig. Bleiben als Zielgruppen lediglich die Volkshochschulen und der private Unterricht bzw. Selbstunterricht.
Der Stuttgarter Schmetterling Verlag ist das Wagnis mit Está bem eingegangen, das inzwischen sogar in 2. Auflage vorliegt. Autor ist der Portugiesischlektor an der Georg-August-Universität in Göttingen Joaquim Peito. Offensichtlich ist das Lehrwerk Frucht der Dozententätigkeit des Autors, deutlich erkennbar an der Fülle des Übungsmaterials. Dies allein schon würde die Anschaffung des Buches lohnen, da die Übungen in ihrer phantasievollen Vielfältigkeit auch für denjenigen interessant sind, der Portugiesisch mit einem anderen Lehrwerk lernt. Kritisch sehe ich lediglich die Übersetzungsübungen, die im Sinne der sog. „aufgeklärten Einsprachigkeit“ keinen Platz mehr im modernen Fremdsprachenunterricht haben. Zum Übersetzen bedarf es spezifischer Kompetenzen, die im Frühstadium des Fremdsprachenerwerbs (noch) nicht vorhanden sein können.
Auch ansonsten übernimmt der Autor sich und seine Schüler mit der Breite des Angebots. Von Anfang an wird der Lernende mit Informationen überschüttet, die er zu dem frühen Zeitpunkt noch gar nicht verwerten kann, z. B. ausgefallene idiomatische Wendungen, Homophone (cinto – sinto), Lektürevorschläge zu nicht ins Deutsche übersetzten Romanen, Hinweise zu LPs und CDs.
Auch die Art, wie dem Lernenden portugiesischer Sprachwortschatz nahe gebracht wird, muss verwirren. Warum nicht ähnlich wie in unserem Spaß mit Sprichwörtern Sprichwörter auswählen, deren wörtliche Übersetzung sinnvoll ist (und somit einen sprachlichen Zuwachs für den Lernenden bedeuten) und dann zusätzlich das entsprechende deutsche Sprichwort, soweit vorhanden, geben bzw. vom Schüler/Studenten finden lassen1?
Was das Werk über das Überangebot an Informationen hinaus für den (Volkshoch)Schul- und Privatunterricht schwer einsetzbar erscheinen lässt, ist das, was die Lernpsychologen „mangelnde Sequentialität“ nennen würden, d.h. der Autor respektiert nicht den allmählichen und systematischen Lernprozess vom Leichten zum Schweren (Comenius). So finden sich schon sehr früh Texte, deren grammatische Strukturen bzw. Wortschatz zu dem Zeitpunkt noch nicht zu bewältigen sind2. Umgekehrt gibt es Einheiten, die von ihrem sprachlichen Schwierigkeitsgrad sehr viel früher auftauchen sollten (z.B. der Dialog auf S. 191).
Erschwerend für den Einsatz des Buches für das Eigenstudium ist auch die Tatsache, dass der Autor grammatische Erklärungen und Arbeitsanweisungen zumeist auf Portugiesisch gibt und nur gelegentlich die deutsche Übersetzung mitliefert. Uneinheitlich ist auch die Untertitelung der – übrigens vorzüglichen – Fotos3. Im allgemeinen gibt es einen deutschen Text, womit eine weitere Chance der Sprachförderung vergeben wird, gelegentlich zweisprachig, wobei sich die Texte nicht immer entsprechen4, und ein andermal nur auf Portugiesisch5.
Joaquim Peito hat sein Buch in 24 Einheiten (unidades) eingeteilt, die dem klassischen Dreierschema Text, Grammatik, Übungen folgen. Bei den Grammatikkapiteln geht der Autor ganzheitlich-systematisch vor, wobei er gelegentlich die Systematik übertreibt6. Andererseits finden sich grammatische Phänomene, die eigentlich zusammengehören, über das Buch verteilt (z.B. die Stellung der Personal- und der Reflexivpronomen) ohne einen Querverweis. So vermisse ich auch eine systematische Zusammen- bzw. Gegenüberstellung der drei Typen von Bedingungssätzen. Dies macht das vorliegende Werk im Gegensatz zu dem in der Portugal-Post 45 vorgestellte Lehrwerk von Helmut Rostock ziemlich unbrauchbar als Nachschlagewerk für den Ratsuchenden.
Wie gesagt: Das neue Lehrwerk bietet reiches Übungsmaterial (zu dem es auch ein Lösungsheft gibt), und auch die Texte sind sehr gut einsetzbar. Aufgrund ihrer Authentizität und ihres hohen Informationsgehaltes sind sie in manchem besser geeignet als das im selben Verlag erschienene Büchlein von Gláucia Maria de Queiroz. Für die eigentliche Sprachvermittlung halte ich die Bände Vamos lá und Vamos ver von Natália von Rahden nach wie vor am geeignetsten. Die Hamburger Volkshochschule bedient sich ihrer, ich habe sie während meiner Tätigkeit am Gymnasium Hochrad mit Erfolg eingesetzt und benutze sie gerne für meinen Privatunterricht.
Peter Koj
1
Beim Suchen nach dem entsprechenden deutschen Sprichwort vertut sich der Autor gelegentlich. So entspricht dem portugiesischen A união faz a força dem deutschen Einigkeit macht stark und nicht Zusammen sind wir stark (S. 328) und bei Águas passadas não movem moinhos hat der Autor offensichtlich das englische Don’t cry over spilled milk: im Hinterkopf (S. 244).
2
Manche Texte sind gespickt mit neuen Vokabeln, die selbst im alphabetischen Wörterverzeichnis am Ende des
Buches nicht enthalten sind (z.B. S. 170), so dass der Lernende sich mühsam mit einem zusätzlichen Wörterbuch behelfen
muss. Ebenso wenig dürfte es der Lernfreude förderlich sein, wenn er in der Rubrik Algum vocabulário necessário
angeblich wesentliche Ausdrücke ohne die deutsche Bedeutung vorgesetzt bekommt, so zum Themenkreis Post (S.
152), Fliegen (S. 159), Eier (S. 109).
3
Etwas Probleme habe ich mit dem Foto auf S. 258, auf dem ich keine saldos (Schlussverkauf) erkennen kann
und mit dem Yachthafen von Horta, auf dem kein einziges Segelboot zu sehen ist, sondern nur ein Motorboot, das vor
der Kulisse der Nachbarinsel Pico das Wasser pflügt (S.228).
4 Z.B. auf S. 244.
5 Auf S.333 und 345 erfahren wir nur den Standort der jeweiligen Paineis de Azulejo, nicht aber was darauf
zu sehen ist und zu den auf S. 137 abgebildeten Fischverkäuferinnen (varinas)
von Espinho erhalten wir nur den Regionalismus vareiras, den wir im Wörterverzeichnis vergeblich suchen.
6 So ist es völlig unnötig ein Gruppe von Verben auf –uzir zu erfinden
(S.49), um das Fehlen des End –e in der 3. Person Präsenz zu erkären (produz, traduz, conduz). Dann doch bitte auch
gleich eine Gruppe der Verben auf –azer (traz, faz etc).
|
. |
|
|
Joaquim Peito: Está Bem!
Intensivkurs Portugiesisch
Schmetterling Verlag
2. durchgesehene Auflage
Stuttgart, 2008; 408 Seiten
EUR 24,80
|
|
|
|