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Goethes Reise nach Brasilien

Nicht gerade begeistert war ich über Peters Bitte, das Buch von Sylk Schneider Goethes Reise nach Brasilien zu besprechen. Wir waren gerade in Goethe-Landen gereist und reagierten allmählich allergisch auf all’ die Bronzeplaketten „hier hat Goethe übernachtet“, dort gespeist, dort gar gedichtett … Besuchten dann erfreut ein Lokal mit der Werbung „Hier war Goethe nie.“

Auch in Brasilien war Goethe nie, aber wie Sylk Schneider in Goethes Brasilien-Tagebuch aufzählt, hat er sich an ca. 200 Tagen seines Lebens mit brasilianischen Dingen befasst, sei es, dass er mit Brasilien-Reisenden Gespräche führte, ihre Bücher studierte, mit ihnen und anderen Wissenschaftlern korrespondierte oder brasilianische Naturalia untersuchte. Wobei bei den Quellen zu Goethe und Brasilien auffällt, dass sie sich an Winterabenden oder nach Krankheiten häufen …

Goethes Brasilienbild war anfangs wohl nicht viel anders als das der meisten anderen auch – ein wildes, tropisches Land voller Menschenfresser. Wobei Goethe die heute klassischen und immer wieder aufgelegten Berichte von Hans Staden (1557) oder Jean de Léry (1578) wohl nicht kannte.

Die „Zweite Entdeckung“ Südamerikas – die wissenschaftliche – beginnt mit der großen Südamerikareise 1799 bis 1804 Alexander von Humboldts (der auch gerade wieder entdeckt wurde …) Die deutsche Ausgabe seiner Voyage aux régions équinoxiales du nouveau continent widmet Humboldt 1807 Goethe mit den Worten „In den einsamen Wäldern am Amazonasflusse erfreute mich oft der Gedanke, Ihnen die Erstlinge dieser Reise widmen zu dürfen… Der erste Theil meiner Reisebeschreibung, das Naturgemälde der Tropenwelt ist Ihnen zugeeignet“.

In diesen Jahren widmet sich Goethe mehr und mehr den Naturwissenschaften, anfangs besonders der Mineralogie, wozu er die Werke von John Mawe (Brasilien 1807-1811) über die Gold- und Diamantenminen studierte. Kurz darauf machte er die Bekanntschaft von Wilhelm Ludwig von Eschwege (Brasilien 1810-1821), den „Vater der brasilianischen Geologie“, von dem er auch Diamanten für den Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar kaufte.

In den Jahren 1815 bis 1817 bereist auch Maximilian Prinz zu Wied-Neuwied Brasilien und bringt unzählige Sammlungsstücke zurück, unter anderem zwei von ihm entdeckte Malvenarten, die Goethea cauliflora und Goethea semperflorens benannt werden.

Einen enormen Schub bekam die Brasilienforschung ab 1817 durch die Vermählung der österreichischen Prinzessin Leopoldine Caroline mit dem Erbprinzen und späteren Kaiser von Brasilien Pedro I. In ihrer Begleitung durften mehrere Naturwissenschaftler und Maler zur Erforschung des Landes nach Brasilien reisen, von österreichischer Seite u. a. der Mineraloge und Botaniker Johann Baptist Emanuel Pohl (1817-1821) und der Maler Thomas Ender (1817-1818). Von bayerischer Seite der Zoologe Johann Baptist Ritter von Spinx (1817-1820) und der „Vater der brasilianischen Botanik“ Karl Friedrich Philipp von Martius (1817-1820).

Am 5. November 1817 kam Leopoldine in Brasilien an und bereits am 1. Juni 1818 legten Fregatten mit den ersten Sammlungen nach Europa ab. Goethe war – teils im Auftrag Carl Augusts, aber auch aus eigenem Antrieb – von Anfang an interessiert an den Ergebnissen der Expedition. Er hatte mit fast allen Forschern der großen Brasilienexpedition brieflichen oder persönlichen Kontakt, besonders intensiv mit Martius, dessen Werk über die Palmen – insbesondere auch die Illustrationen – er bewunderte.

Die Reisebeschreibungen dieser Wissenschaftler wie auch weitere Berichte englischer und französischer Reisender werden für die Weimarer Bibliotheken angeschafft und gegebenenfalls auf Anordnung des Großherzogs Carl August übersetzt. Die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek hat dank dieses großen Interesses einen der größten Schätze an historischer Reiseliteratur zwischen 1819 und 1829. Viele uns heute bekannte Pflanzen kamen so über Wien nach Weimar, z.B. die damals höchst exotische Araukarie (Araucaria brasiliensis = Pinheiro do Paraná). Auch Pohls Werk Plantarum Brasiliae … wird studiert und Goethe korrespondiert mit Carl August z.B. über Maniok (Manihot utilissima=Mandioca).

Spätestens hier stellt sich für mich die Frage: Hat sich in Weimar niemand dafür interessiert, dass dieser Maniok das Hauptnahrungsmittel der Indianer ist? Warum kommen Indianer in dem Buch nur marginal vor, obwohl z.B. Prinz zu Wied und Martius durchaus auch ethnologisch geforscht haben? Kein Interesse bei Goethe („hier war Goethe nie“) oder bei Sylk Schneider? Fast könnte man diesen Eindruck gewinnen: Es werden insgesamt 18 Seiten und 13 Illustrationen der Goethea und diversen Botanischen Gärten gewidmet, obwohl diese Malvenart nur nach dem Dichterfürsten benannt wurde …

Überhaupt hätte ich dem Buch ein sorgfältiges Lektorat gewünscht: So verfügt es über einen akribischen Anmerkungs-Apparat, Listen der Brasilien-Bücher, die Goethe in Bibliotheken auslieh oder anschaffen ließ, das oben erwähnte Brasilien-Tagebuch sowie ein detailliertes Personen- und Literaturverzeichnis. In letzterem fehlen dann aber Mawe, Humboldt und Prinz zu Wied, die im Text mit eigenen Kapiteln vertreten sind.

Wenn Sylk Schneider sein Buch schon als imprecindível (sic!) – (unerlässlich) vorstellt, wäre es imprescindível gewesen, gründlich Korrektur zu lesen, zumal es durch Grußworte der Botschafter Brasiliens und der Bundesrepublik nobilitiert wird. So lesen wir abwechselnd Prinz Wied zu Neuwied und Maximilian Prinz zu Wied-Neuwied, Ferdinand Denis und Denis Ferdinand, Carl Friedrich Philipp von Martius und Carl Philipp Friedrich … Laser (statt Lasar), Segall wird deutscher Exilant, ist aber ein litauischer Künstler, der bereits 1923 auswanderte, und schließlich wird noch Brasiliens Unabhängigkeit vom 7. September 1822 auf den 9. Januar vordatiert.

Zufällig kann ich der im Epilog geäußerten Bitte des Autors, ihn bei der Erforschung der Verbindung von Goethe zu Brasilien zu unterstützen, nachkommen. Auf einer Reise im April dieses Jahres durch die Serra Gaúcha in Rio Grande do Sul lernten wir bei einer Weinprobe den leckeren Goethe-Wein kennen, der Aromen von tropischen Früchten wie Maracujá, Guave und Bergamotte aufweist und am besten am Spätnachmittag degustiert wird! Einige Tage später konnte ich ein Foto von der Rebe Vitis labrusca Goethe machen. Da ich mich für Wein zugegebenerweise mehr interessiere als für Malwen, möchte ich dem Verlag der Thüringischen Landeszeitung, der schon ein Buch über Goethe und seine Chemiker herausgegeben hat, einen Titel Goethe und der Wein empfehlen.

Thies Plaas

Wir danken Thies Plaas, dass er trotz anfänglich mangelnder Begeisterung diese Rezension übernommen hat. Bei der Gelegenheit soll auch ein großes Dankeschön an ihn entrichtet werden, nicht nur für all die im Laufe der Jahre an uns übermittelten wertvollen Tipps zur Literatur, sondern auch zu unserem Terminkalender. Mehr über Thies erfahren Sie in der Portugal-Post 10.


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Sylk Schneider: Goethes Reise nach Brasilien – Gedankenreise eines Genies
Weimarer Taschenbuch Verlag
Weimar, 2008; 200 Seiten, EUR 17,90