valter hugo mãe – Schreiben als Bewusstseinsfindung
Von Teresa Bagão
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„(…) aus dissonanten Noten
in einem Schrei des Wahnsinns
erstickt und gepresst
von der gesamten dunklen Materie
entsteht der klare Schrei“.
António Ramos Rosa (1960).
Viagem através de uma
Nebulosa.
Die Gedichte und die Romane von hugo valter mãe sind für den aufmerksamen Leser wie ein „klarer Schrei“, den niemand überhören kann. In seinen Anfangswerken konzentriert sich der Schriftsteller auf die Sprache der Poesie und veröffentlicht die Titel silencioso corpo de fuga (1996) und o sol pôs-se calmo sem me acordar (1997), auf die er sich mit der bei Erstlingen üblichen Zurückhaltung bezieht: „Ein paar uralte Sachen, die Gott sei Dank niemand kennt“. Später veröffentlicht er entorno a casa sobre a cabeça (1999), egon schiele auto-retrato de dupla encarnação (1999), das mit dem Prémio de Poesia Almeida Garrett der Associação de Jornalistas e Homens de Letras do Porto ausgezeichnet wurde, estou escondido na cor amarga do fim da tarde (2000), três minutos antes de a maré encher (2000, ²2004), a cobrição das filhas (2001), útero (2003) und o resto da minha alegria gefolgt von a remoção das almas (2003). Die dichterische Schöpfung wird häufig als ein Raum der Infragestellung und der Reflexion angesehen, der es ermöglicht, sich und die Welt kennen zu lernen und das ermöglicht. Danach strebt das dichterische Ich, wobei es sich eingesteht: „Ich begreife, dass ich ständig Gedichte schreibe, wo ich im Übermaß existiere“.
Dann 2004 das erste Prosawerk mit dem Roman nosso reino (erschienen in der Sammlung Lusografias des Verlags Temas & Debates), der von der Zeitung Diário de Notícias als bester portugiesischer Roman des Jahres eingestuft wurde. Danach wendet er sich wieder der Dichtung zu. In o livro de maldições (2006 im Eigenverlag Objecto Cardíaco erschienen) entscheidet er sich für eine lyrische Prosa und ebenso wie in pornografia erudita (2007) stellt er auf ungewöhnliche, packende und manchmal bewegende Weise seine persönlichen Beziehungen heraus (Familie, Freunde oder so genannte Freunde und Bekannte), wobei sich seine Aufmerksamkeit voll Bissigkeit und Wucht auch auf die portugiesische Gesellschaft von heute richtet. So heißt es in pornografia erudita:
„Ich weiß nicht, ob zu den Posten
meines Stolzes ich das Schreiben zählen kann, dieses
Laster, dass es für mich so natürlich ist, die Zukunft
mit meiner Gegenwart zu behelligen“.
Noch im Jahre 2007 erscheint der Gedichtband bruno in einer einmaligen Auflage in Spanien (bei Littera Globos). Das dichterische Werk von valter hugo mãe ist nun in der Anthologie folclore íntimo zugänglich. Im September 2008 war valter hugo mãe auf der Buchmesse in Brasília anwesend, wo die von ihm selbst zusammengestellte Anthologie mil e setenta e um poemas (herausgegeben bei Thesaurus) vorgestellt wurde. Sie enthält eine Reihe bisher unveröffentlichter Gedichte, darunter mil poemas sobre brasília. Zudem sei an all die Gedichte erinnert, die im blog www.casadeosso.blogspot.com und in verschiedenen Anthologien gelesen werden können.
2007 packt ihn wieder die Lust, Geschichten zu erzählen. Sein Roman o remorso de baltazar serapião wird von der Stiftung Círculo de Leitores (eine Bertelsmann-Tochter, Anm. des Übers.) mit dem hochrangigen Prémio Literário José Saramago 2007 ausgezeichnet. Und 2008 erschien sein dritter Roman auf dem Markt, o apocalipse dos trabalhadores. In verschiedenen Interviews erklärt der Autor, “was mich zuerst auf diese Geschichte brachte, war meine strikte Ablehnung des Fremdenhasses“. Da es sich bei den Protagonisten um zwei Putzfrauen handelt, die sich über ihren Alltag in Bragança auslassen, erläutert er, dass
„ das Unglück der Frauen mich mehr rührt als das der Männer. Frauen überleben sehr viel eher, kämpfen sehr viel mehr, leisten sehr viel mehr Widerstand. Aber wenn sie sterben müssen, tun sie dies ohne so großes Zögern. Das fasziniert mich, verführt und rührt mich.“
Darüber hinaus betont er immer wieder, dass es ihn in seinen Romanen
„nicht interessiert, meinem Alltag zu begegnen. Ich schreibe, um das herauszufinden, wozu ich bisher noch keinen Zugang hatte. Es ist eine Bewusstseinsfindung. Meine Bücher sind niemals simple spielerische Geschichten. Sie haben eine soziale, fast ideologische Komponente, die sich in das Geschriebene einschleicht.“
Mit meisterhafter Präzision entwirft valter hugo mãe seine Romanfiguren, überraschende Erscheinungen im Universum der portugiesischen Literatur. Ihre Erlebnisse und Geschichten fesseln den Leser von der ersten Seite an und locken ihn in die Lektüre wie in eine Falle, aus der er nicht ausbrechen kann. Dies ist wohl einer der Gründe, warum der Autor sagt, dass „meine Liebe zu den Romanen eine Liebe ist, von der ich spüre, dass sie stark erwidert wird“.
Er hat auch ein erstes Theaterstück geschrieben, os filhos do esfolador nach der Erzählung O cego de Landim von Camilo Castelo Branco. Seine umfassende literarische Produktion schließt zudem Kinder- und Jugendliteratur ein, nämlich die Ballade São Salvador do Mundo mit Illustrationen von Rui Effe und o livro das crianças felizes mit Illustrationen von Luís Silva, das noch dieses Jahr erscheinen soll. 2009 wird die Reihe Colecção Abrir os Olhos – Histórias de Valter Hugo Mãe mit den Erzählungen A História do Homem Calado und A verdadeira História dos Pássaros eröffnet, zwei mit der suggestiven und sorgfältigen grafischen Gestaltung des Autors illustrierte Ausgaben.
Seine Liebe zur Musik zeigt sich in den Texten, die er für die Lieder einiger portugiesischer Musiker oder Gruppen geschrieben hat, z. B. Paulo Draça (Disco de Cabeceira) oder der Gruppe Mundo Cão (A Geração Matilha). Auf einem anderen musikalischen Niveau bewegt sich die Vertonung von oito poemas breves de valter hugo mãe durch den Komponisten Fernando Lapa (2002), ein Werk, das von dem Grupo de Música Contemporânea de Lisboa in Auftrag gegeben und in Serralves (Porto) aufgeführt wurde. Seine Liebe zur Musik hat ihn sogar dazu verleitet, seine stimmlichen Qualitäten auszuprobieren. So trat er 2008 zum ersten Mal als Sänger mit eigenen Texten in der Veranstaltung Facínoras im Rahmen der Quintas de Leitura, café-teatro do Teatro do Campo Alegre in Porto auf. Daraus hervorgegangen ist die von ihm geleitete Band Cabessa Lacrau.
Zum Abschluss ein paar biografische Hinweise. valter hugo mãe wurde am 25. September 1971 in Saurimo (Angola) geboren. Bald darauf gehen seine Eltern nach Portugal zurück, wo er in Paços de Ferreira seine Kindheit verbringt. 1980 zieht die Familie nach Vila do Conde, wo er seitdem lebt. Im dortigen Fischerviertel Caxinas erlebt er täglich die Welt des Fischfangs. Er hat ein abgeschlossenes juristisches Studium, es ist ihm aber gelungen, „sich aus der strengen Welt der Paragraphen zu retten“. Er promoviert in Moderner und Zeitgenössischer Literatur Portugals. In den letzten sieben Jahren hat er sich zudem als Herausgeber betätigt. Diese knappen Ausführungen werden vervollständigt durch seine Autobiografie, einen der schönsten und bewegendsten Texte des Autors, dessen Lektüre (nur im Internet möglich) ich sehr empfehle. Übersetzung: Peter Koj
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Teresa Bagão ist Portugiesischlehrerin in Aveiro. Sie lebte Mitte der 90er Jahre für kurze Zeit in Hamburg.
Wir danken ihr, uns auf valter hugo mãe (die Kleinschreibung ist ausdrückliches Markenzeichen des Autors)
aufmerksam zu machen. Er ist ein Multitalent und gilt als shooting star der portugiesischen Literaturszene.
Wir sind gespannt, ob sich ein deutscher Verlag findet, seine Romane in Übersetzung herauszubringen.
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valter hugo mãe: o apocalipse dos trabalhadores
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