Einen Elefanten aufgebunden?
Zu José Saramagos Roman A viagem do elefante
Im letzten Jahr erschien im Verlag Caminho José Saramagos neustes Opus A viagem do elefante. Trotz seines angegriffenen Gesundheitszustandes (wir berichteten) hatte sich der portugiesische Nobelpreisträger daran gemacht, ein Buch zu schreiben, in dem er Informationen verarbeitete, die ihm vor einigen Jahren Gilda Lopes Encarnação, Portugiesischlektorin in Salzburg, hatte zukommen lassen. Laut Vorwort hatte sie den Schriftsteller in das Restaurant Der Elephant eingeladen, wo sich die verschiedenen Stationen der Reise eines Elefanten von Lissabon (Belém) bis Wien abgebildet fanden.
Daraus entstand nun ein Werk, das von Umfang und Struktur die Bezeichnung „Roman“ nicht verdient. Es handelt sich um eine längere Erzählung, in der wir alles wiederfinden, was wir an José Saramago so schätzen (oder auch nicht): eine starke Präsenz des Erzählers, der mit dem Stoff frei umgeht, ständig in einen Dialog mit dem Leser eintritt und ihm so seine humanistischen und aufgeklärten Ansichten vermittelt. Bei der Lektüre stand ich allerdings ständig unter dem Eindruck des i>déjà vu, und es plagte mich der Zweifel, ob die Lektorin dem berühmten Schriftsteller nicht einen Bären – pardon Elefanten – aufgebunden hatte. Wurde der portugiesische Elefant nicht von König Manuel I. auf den Weg nach Rom geschickt, nachdem er 1513 im Zweikampf gegen das Nashorn Ganga (dargestellt in dem berühmten Stich von Albrecht Dürer aus dem Jahre 1515) unterlegen war? Und endete seine Reise nicht im Tiroler Brixen statt in Wien?
Nun, inzwischen habe ich mich kundig gemacht. Portugal war im 15. und noch lange im 16. Jahrhundert die führende Kolonialmacht, die nicht nur wichtige Handels- und Luxusgüter, allen voran die Gewürze, nach Europa schaffte, sondern auch exotische Pflanzen und Tiere. Und sie lieferten regelmäßig Großwildexemplare an den Papst und prunksüchtige Könige und Fürsten, die diese dann in ihren Prachtumzügen zur Schau stellten. So war es auch nur selbstverständlich, dass König João III., Enkel von Manuel I., seinem Vetter, dem Erzherzog Maximilian, einen Elefanten zum Geschenk machte. Dieser Dickhäuter namens Salomão kam im Gegensatz zu seinem unglückseligen Vorgänger tatsächlich an seinem Ziel an, wo er aber bald verstarb (für Saramago eine schlüssige Metapher für die menschliche Existenz, die nichts anderes ist als ein langer mühseliger Weg, an dessen Ende uns der Tod erwartet).
Eine Station auf dem langen Weg des Elefanten Salomão von Belém nach Wien ist übrigens auch Brixen. Und nun werde ich von neuen Zweifeln geplagt: Verdankt das dortige Hotel mit seinem Feinschmeckerlokal Der Elephant, dessen Ursprung angeblich auf das klägliche Ende des von Manuel I. ausgesandten Elefanten zurückgeht (dazu ausführlich mein Artikel Der Elefant und das Nashorn in Portugal-Post 25) seinen Namen nicht eher dem ihm fast ein halbes Jahrhundert später nachfolgenden Salomão? Das wäre auch schon aus rein logistischen Gründen plausibler: Selbst wenn alle Wege nach Rom führen, so dürfte der kürzeste Weg von Lissabon nach Rom nicht unbedingt durch die Tiroler Alpen gehen.
PS. Kurz vor Redaktionsschluss informierte uns der Rowohlt Verlag, dass Marianne Gareis sich bereits an die Übersetzung des Buches gemacht hat. Erscheinungsdatum: Herbst 2010. Dann können sich auch die Leser, die des Portugiesischen nicht mächtig sind, mit Saramagos Dickhäuter auf den langen Weg von Belém nach Wien machen.
Peter Koj
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José Saramago: A Viagem do Elefante
6. Auflage
Caminho 2008
258 Seiten
EUR 15,75
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