Ein Buch voll Takt und saudade
Das Memorial de Aires des Brasilianers Machado de Assis
Lang, lang hat es gedauert. Doch nun liegt endlich die Übersetzung des letzten Romans von Brasiliens größtem Erzähler Joaquim Machado de Assis (1839-1908) in deutscher Sprache vor. Sie trägt den nicht ungeschickt gewählten Titel Tagebuch des Abschieds. Der fiktive Tagebuchschreiber, der pensionierte Diplomat Aires, Witwer (63 Jahre), verabschiedet sich und seine Generation, um Platz zu machen für die Jungen („… ich schloß, die Jugend habe das Recht zu leben und zu lieben und sich vom Erloschenen und vom Hinfälligen fröhlich zu verabschieden“, S. 201). Doch auch ansonsten wird sich ständig innerhalb des engen Personenkreises verabschiedet, in dem sich der Erzähler bewegt. Es ist die gehobene Gesellschaft Rio de Janeiros vom Ende des 19. Jahrhunderts: höhere Beamte, Gutsbesitzer. Im Mittelpunkt des Geschehens steht jedoch der schmerzvolle Abschied des älteren Ehepaares Aguiar, das seinen Patensohn Tristão gleich zweimal an Portugal verliert. Beim zweiten und wohl endgültigen Abschied verlieren sie gleichzeitig Fidélia Noronha, so etwas wie eine Pflegetochter, die nach dem frühen Tod ihres Mannes Tristão heiratet.
Der Reiz des Romans – wenn man ihn denn als solchen bezeichnen will – liegt in der Tagebuchform. Sie erlaubt dem Erzähler, mit dem scheinbar Banalen und Alltäglichen (und davon gibt es eine ganze Menge in seinem Tagebuch zu berichten) ein geistreiches Spiel zu treiben. So wird der durch die geringe Zahl der Protagonisten, die zudem noch aus einem konventionellen Milieu stammen, gegebene enge Rahmen immer wieder aufgelockert durch Ironie und Selbstironie. Die diplomatische Vergangenheit des Erzählers, aber auch die Herzensbildung der Hauptakteure erzeugen eine Atmosphäre des Takts und Feingefühls, das uns heutzutage, wo wir aus Brasilien ganz andere, brutale Töne gewöhnt sind, anrührend „altmodisch“ vorkommt.
Doch die Gefahr von kitschiger Rührseligkeit kommt nie auf. Das verhindert schon die Präsenz des Tagebuchschreibers, der sich ständig ironisch bespiegelt und hinterfragt. Aber auch die wunderbar geschmeidige Prosa, von Berthold Zilly meisterhaft in Deutsche übertragen, hat da ihren Anteil. Dem mehrfach ausgezeichneten Übersetzer aus Berlin verdanken wir zudem ein ausführliches Glossar und ein sehr hilfreiches Nachwort zur Bedeutung des Autors und seines Werks. Und um einen weiteren Vorzug dieser Ausgabe zu nennen, so ist dies ihre geschmackvolle Gestaltung durch die Friedenauer Presse Berlin. Ein wunderbares Buch, um unter den Weihnachtsbaum gelegt und genüsslich bei Kerzenschein und einem Gläschen Portwein gelesen zu werden.
Peter Koj
|
. |
|
|
Machado de Assis
Tagebuch des Abschieds
Aus dem Portugiesischen übersetzt und herausgegeben von Berthold Zilly
Friedenauer Presse, Berlin 2009
231 Seiten - EUR 22,50
|
|
|
|