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Irrungen Wirrungen – die japanisch/brasilianische Variante


Im Mittelpunkt von Bernardo Carvalhos 2007 erschienenem Roman In São Paulo geht die Sonne unter (Originaltitel: O sol se põe em São Paulo) steht das klassische Dreiecksverhältnis einer Frau zwischen zwei Männern: die schöne Michiyo, ihr Mann, der Industrielle Yokochi, und der Schauspieler Masukichi. Sie sind auf eine Art miteinander verstrickt, die an Komplexität und Dramatik kaum zu überbieten ist. Alle drei werden zum Spielball der durch Japans Eintritt in den zweiten Weltkrieg ausgelösten Ereignisse. Die tragische Entwicklung resultiert aus dem für uns kaum nachvollziehbaren japanischen Ehrenkodex, der wiederum mit der schier unglaublichen Grausamkeit der japanischen Truppen kontrastiert.

Brasilien, wohin nach Kriegsende eine Reihe der Protagonisten aussiedelt, bietet den Rahmen und gleichzeitig die Lösung der Geschichte. Es ist das Land der Antipoden. Wenn hier die Sonne untergeht, geht sie in Japan auf. Es ist das Land der Weite im Gegensatz zur japanischen Enge. Der Erzähler, Nachkomme japanischer Einwanderer, fühlt sich als Brasilianer. Ausgerechnet er, der die Kultur seiner Vorfahren ablehnt und kein Japanisch spricht, soll die Geschichte aufschreiben, die ihm die alte Michiyo, Besitzerin eines Sushi-Lokals in São Paulo, kurz vor ihrem Tod erzählt. Doch gibt die Geschichte so viele Rätsel auf, dass er nach Japan reist, um sich die fehlenden Informationen zu holen. Ein fast hoffnungsloses Unterfangen, wären da nicht seine Schwester, die nach Japan reemigriert ist, und eine Reihe von Zufällen, die ihm die fehlenden Versatzstücke liefern. So nimmt die Geschichte gegen Ende noch einmal eine für den Erzähler (und damit auch für den Leser) überraschende Wendung.

Dem Erzähler, einem arbeitslosen Werbetexter und Möchtegernschriftsteller, gelingt es somit, alle Puzzleteile zusammenzufügen und erst jetzt, auf dem Rückflug nach São Paulo, „dieser Stadt, die nicht sein kann, was sie ist“, wird ihm bewusst, auf welches Verwirrspiel er sich da eingelassen hat: „eine Geschichte von Männern und Frauen, die sich als andere auszugeben versuchen, um das Versprechen dessen einzulösen, der sie sind: ein Schauspieler, dem man das Schauspielern verbietet: ein Mann, der nicht mehr sein kann, wer er ist, um für ein Land zu kämpfen, das ihn verstößt; ein anderer, der nicht unter seinem eigenen Namen leben kann, weil er in einem Krieg gestorben ist, an dem er nicht teilgenommen hat; eine Frau, die nur liebt, wenn sie keine Gegenliebe findet; ein Schriftsteller, der nur existiert, solange er keiner ist“ (S. 204).

Dabei herausgekommen ist ein Roman, dessen Reiz gerade darin besteht, dass er nicht von einem allwissenden Erzähler präsentiert wird, der die Fäden der Handlung in der Hand hat, sondern dass wir in die Recherche und die Genese des Romans eingebunden werden. Entsprechend sachlich ist die Sprache. Es herrscht eine ähnlich nüchterne Diktion wie in Carvalhos Roman Neun Nächte (ebenfalls meisterhaft ins Deutsche gebracht von Karin von Schweder-Schreiner), den wir in der Portugal-Post 36 vorgestellt haben. Auch hier wird durch diesen nüchternen Chronikstil das Erschütternde der Ereignisse erst erträglich.

Peter Koj


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Bernardo Carvalho: In São Paulo geht die Sonne unter
Aus dem Brasilianischen von Karin von Schweder-Schreiner
Luchterhand Literaturverlag
München 2009, EUR 19,95